Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat vor einem massiven russischen Angriff gewarnt, der noch vor dem Nato-Gipfel Mitte der Woche in Ankara erfolgen könnte. In einem Facebook-Posting berief er sich auf Informationen des ukrainischen Geheimdienstes und erklärte, dass ein solcher Schritt ganz der Vorgehensweise von Kremlchef Wladimir Putin entspreche. Russland wolle schlicht «noch mehr Unheil anrichten und Menschen töten», so Selenskyj. Die Nato-Staaten kommen am Dienstag und Mittwoch in der türkischen Hauptstadt zusammen.
Selenskyj appellierte eindringlich an die Partner der Ukraine, die Flugabwehr des Landes zu unterstützen. «Jede Verzögerung bei der Lieferung von Raketen für unsere Flugabwehr und für die Patriot-Systeme kostet Menschenleben und ermutigt Russland, den Krieg fortzusetzen», sagte er. Die Welt verfüge durchaus über die notwendige Menge und Qualität an Flugabwehrsystemen, doch müssten diese der Ukraine auch zur Verfügung gestellt werden. Dies sei in erster Linie eine Entscheidung der USA, aber auch der Mächtigen in Europa und der Welt.
Der Ukraine sei klar, dass der politische Wille der Vereinigten Staaten ausreichen würde, um den Mangel an Patriot-Systemen zu beheben, führte Selenskyj weiter aus. «Doch bislang fehlt es an einer solchen Unterstützung.» Während die ukrainische Flugabwehr eine relativ hohe Trefferquote gegen russische Drohnen und Marschflugkörper aufweist, ist sie gegen ballistische Raketen weitgehend machtlos. Die Patriot-Systeme sind für die Ukraine das einzige wirksame Mittel gegen diese Raketen. Bereits im Frühjahr beklagte Selenskyj, dass sein Land kaum noch Munition dafür habe. Der US-Krieg gegen den Iran verknappte die weltweiten Bestände der Abwehrraketen weiter.
Beim Nato-Gipfel in Ankara wird Selenskyj die Gelegenheit erhalten, sich mit einer Bitte um weitere Patriots direkt an US-Präsident Donald Trump zu wenden. Die beiden Staatschefs treffen am Mittwoch zu einem bilateralen Gespräch zusammen, um auch über Wege zu einem Ende des russischen Angriffskriegs zu sprechen. Ein hochrangiger US-Beamter betonte vor Journalisten, dass keine der beiden Kriegsparteien nennenswerte militärische Fortschritte mache. Gleichzeitig entstünden enorme Kosten, und es gebe Angriffe beider Seiten weit ins jeweils andere Land. «Der Präsident verspürt daher ein echtes Gefühl der Dringlichkeit, zu versuchen, das zu einem Ende zu bringen», so der Beamte.
Man sei zuversichtlich, Fortschritte erzielen zu können, wenn Trump und Selenskyj zusammenkommen, und er sei sich sicher, dass sich Trump auch mit Kremlchef Putin in Verbindung setzen werde. Sowohl Putin als auch Selenskyj hatten am Wochenende mit Trump telefoniert und diesem ihre Sichtweise auf den Kriegsverlauf geschildert. Die USA vermitteln schon länger zwischen Russland und der Ukraine in dem Krieg. Angesichts ihres eigenen Kriegs gegen den Iran rückten die Bemühungen aber zuletzt in den Hintergrund.
Bei dem Nato-Gipfel soll die Ukraine nun auch ein neues Versprechen für milliardenschwere Militärhilfen bekommen. Darauf verständigten sich Vertreter der 32 Bündnisstaaten wenige Tage vor dem Spitzentreffen in Brüssel in den abschließenden Beratungen über die geplante Gipfelerklärung, wie die Deutsche Presse-Agentur erfuhr. Unterdessen lieferten sich ukrainische und russische Bodentruppen weiterhin schwere Kämpfe entlang der Fronten in der Ostukraine. Der Generalstab in Kiew sprach im abendlichen Lagebericht von insgesamt 201 Kampfhandlungen an diversen Frontabschnitten. Das russische Militär habe 65 Luftangriffe geführt und dabei 182 Gleitbomben eingesetzt.
Die Ukraine verteidigt sich seit mehr als vier Jahren mit westlicher Hilfe gegen den russischen Angriffskrieg. Selenskyj hatte zuletzt die Möglichkeit einer eigenen Patriot-Produktion ins Spiel gebracht. Möglich sei auch eine europäische Produktion in der Ukraine. Die kommenden Tage in Ankara werden zeigen, ob die diplomatischen Bemühungen und die angekündigten Hilfszusagen ausreichen, um die ukrainische Abwehr zu stärken und eine weitere Eskalation zu verhindern.
