In der spanischen Exklave Ceuta hat sich die Lage an der Grenze zu Marokko dramatisch zugespitzt. Mehrere tausend Migranten sind in den vergangenen Tagen in die Stadt eingedrungen, viele von ihnen schwimmend oder auf Schlauchbooten. Allein am Donnerstag sollen Hunderte die Grenze überquert haben. Die spanische Regierung kündigte daraufhin die Entsendung von Soldaten an, um die Sicherheit in der Enklave zu gewährleisten. Nach Angaben des Innenministeriums in Madrid wird die dortige Guardia Civil durch Kräfte der Streitkräfte verstärkt. Auch die italienische Regierung reagiert: Aus Regierungskreisen in Rom verlautete, man erwäge die vorübergehende Aussetzung des Schengen-Abkommens mit Spanien.

Die Menschenmenge, die sich an diesem Donnerstagmittag an der südlichen Grenzübergangsstelle von Ceuta versammelt hatte, sei von Jubelrufen begleitet worden, als sie die Grenze passierte. Auf Videos aus der Stadt sind Szenen zu sehen, in denen Migranten «Addio Marokko, willkommen Spanien» rufen. Die Guardia Civil griff nach Angaben der Gewerkschaften zunächst nicht ein, was die Lage weiter eskalieren ließ. Die Polizeigewerkschaften sprechen von einer nicht mehr tragbaren Situation. Der Bürgermeister von Ceuta, Juan Vivas von der konservativen Volkspartei, erklärte, man befinde sich in einer «absoluten humanitären und sozialen Notlage». Innerhalb weniger Tage seien mehr als 1500 Migranten auf dem Seeweg eingetroffen, die Aufnahmeeinrichtungen seien völlig überfüllt. Vivas forderte die Schließung der Grenze.

Die spanische Regierung in Madrid bemüht sich zugleich um Kontrolle und Kooperation mit Marokko. Innenminister Fernando Grande-Marlaska will Ceuta am Freitag besuchen, um sich vor Ort ein Bild zu verschaffen. Das Innenministerium erklärte, man habe mit Rabat Maßnahmen zur Rückführung aller illegal Eingereisten vereinbart, die so schnell wie möglich umgesetzt werden sollen. Gleichzeitig wies das Außenministerium Spekulationen zurück, wonach die Krise eine Retourkutsche Marokkos für den jüngsten Besuch von Premierminister Pedro Sánchez in Algerien sei. Die Beziehungen zu Rabat seien ausgezeichnet, hieß es aus dem Ministerium. Verantwortlich für die Masseneinreisen seien vor allem Schleusernetzwerke.

Es handelt sich um den schwersten Grenzvorfall in Ceuta seit Mai 2021. Damals waren innerhalb von zwei Tagen mehr als 10.000 Menschen nach Ceuta gelangt, nachdem Marokko die Grenzkontrollen gelockert hatte. Auslöser war ein diplomatischer Streit: Madrid hatte dem im algerischen Exil lebenden Anführer der saharauischen Unabhängigkeitsbewegung Polisario medizinische Hilfe gewährt. Die Krise wurde 2022 beigelegt, als Spanien seine Position zur Westsahara änderte und den von Marokko vorgeschlagenen Autonomieplan für das ehemalige spanische Protektorat anerkannte. Ceuta und die andere spanische Exklave Melilla in Nordafrika bilden die einzigen Landgrenzen der Europäischen Union mit Afrika. Die Kanarischen Inseln bleiben hingegen der Hauptanlaufpunkt für irreguläre Migration nach Spanien. Bis zum 15. Juli waren nach offiziellen Angaben in diesem Jahr noch keine Migranten auf dem Seeweg in Ceuta eingetroffen – die neue Welle trifft die Behörden daher unvorbereitet und überfordert die ohnehin begrenzten Kapazitäten der Enklave.