Präsident Wolodymyr Selenskyj hat am Donnerstag bekannt gegeben, dass Mychajlo Drapatyj zum neuen Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte ernannt wird. Die formelle Entscheidung soll nach den Worten des Staatschefs am Freitag getroffen werden. Der bisherige Amtsinhaber Oleksandr Syrskyj übergibt die Amtsgeschäfte, wie Selenskyj in einer Videobotschaft mitteilte.
Selenskyj erklärte, dass er gemeinsam mit Drapatyj, Jewhen Chmara und Pawlo Palisa die künftige Konfiguration des Generalstabs der ukrainischen Streitkräfte festgelegt habe. Der Präsident würdigte die Verdienste von Syrskyj, der maßgeblich an der Verteidigung Kiews, der Charkiwer Offensive und der Kursk-Operation beteiligt gewesen sei. „Ein bedeutender Weg wurde zurückgelegt, der Schutz der Ukraine dauert an, und es braucht eine würdige Haltung gegenüber jedem Soldaten“, sagte Selenskyj.
Der Wechsel an der Spitze des Militärs erfolgt in einer kritischen Phase des Krieges, in der die ukrainischen Streitkräfte weiterhin russischen Angriffen standhalten und gleichzeitig eigene Offensiven durchführen. Drapatyj, ein erfahrener Militärführer, der zuvor unter anderem als Kommandeur der Landstreitkräfte tätig war, soll nach Angaben des Präsidenten neue Impulse für die Kriegsführung setzen. Selenskyj betonte, dass alle Beteiligten dasselbe Ziel verfolgten: den Sieg über den Feind und die Schaffung von Bedingungen an der Front und im Druck auf Russland, die Moskau zu Friedensverhandlungen zwingen könnten.
Die Entscheidung folgt auf eine Reihe von personellen Veränderungen im ukrainischen Verteidigungsapparat in den vergangenen Monaten. Bereits im Februar 2024 hatte Selenskyj den damaligen Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj durch Syrskyj ersetzt, um die Kriegsführung zu intensivieren. Nun wird mit Drapatyj ein weiterer erfahrener Offizier mit der Leitung der Streitkräfte betraut, der für seine pragmatische Herangehensweise und seine Kenntnisse der modernen Kriegsführung bekannt ist.
Selenskyj dankte Syrskyj ausdrücklich für dessen Einsatz und die erzielten Erfolge, darunter die Verteidigung der Hauptstadt Kiew in den ersten Kriegswochen, die Rückeroberung großer Gebiete in der Region Charkiw im Herbst 2022 sowie die überraschende Offensive in der russischen Region Kursk im August 2024. „Ich bin Oleksandr Syrskyj und jedem unserer Soldaten für die starken Frontpositionen der Ukraine dankbar“, sagte der Präsident. Gleichzeitig würdigte er Drapatyjs „genau diese Sichtweise“ auf die militärischen Herausforderungen.
Die genauen Aufgaben von Syrskyj nach der Übergabe der Amtsgeschäfte blieben zunächst offen. Selenskyj erklärte, dass er mit Syrskyj und Andrij Hnatow über die weiteren Dienstformate und eine ordnungsgemäße Übergabe der Angelegenheiten gesprochen habe. Der Präsident betonte, dass die Ukraine aus dieser Situation gestärkt hervorgehen werde und es für Russland schwieriger werden würde. Die formelle Ernennung Drapatyjs wird für Freitag erwartet, wenn die entsprechenden Dekrete unterzeichnet werden sollen.
Die Ankündigung erfolgte zu einem Zeitpunkt, an dem die ukrainischen Streitkräfte unter erheblichem Druck stehen. Russische Truppen haben in den vergangenen Wochen ihre Offensiven im Osten der Ukraine verstärkt, insbesondere in der Region Donezk. Gleichzeitig setzt die Ukraine auf den Einsatz moderner westlicher Waffensysteme und Drohnen, um die russische Logistik zu stören und eigene Geländegewinne zu erzielen. Die Ernennung Drapatyjs wird als Signal gewertet, dass Kiew weiterhin auf eine aggressive Verteidigungsstrategie setzt, die sowohl defensive als auch offensive Elemente umfasst.
Beobachter werten den Wechsel als Teil einer umfassenderen Neuausrichtung der ukrainischen Militärführung, die darauf abzielt, die Effizienz der Streitkräfte zu steigern und die Koordination zwischen den verschiedenen Teilstreitkräften zu verbessern. Drapatyj, der in den vergangenen Jahren mehrere hohe Kommandoposten innehatte, gilt als Fachmann für die Integration neuer Technologien in die Kriegsführung. Seine Ernennung könnte auch dazu dienen, die Kommunikation zwischen der militärischen Führung und den politischen Entscheidungsträgern in Kiew zu verbessern.
