Papst Leo XIV. in Frankreich: Die «älteste Tochter der Kirche» und ein Besuch im säkularisierten Land
Papst Leo XIV. beginnt am 25. September seine erste apostolische Reise nach Frankreich. Der Besuch führt ihn nach Paris, Saint-Denis, zur UNESCO, nach Lourdes und Metz. Die alte Bezeichnung Frankreichs als «älteste Tochter der Kirche» ist historisch umstritten und wird im Vatikan anders gedeutet als in Frankreich.
Papst Leo XIV. beginnt an diesem Freitag seine erste apostolische Reise nach Frankreich. Der viertägige Besuch führt ihn nach Paris, Saint-Denis, zur UNESCO, nach Lourdes und nach Metz. Es ist die erste offizielle Papstreise in das Land seit 18 Jahren. In Frankreich, das seit rund fünf Jahrzehnten als stark säkularisiert gilt und in dem der Katholizismus nicht mehr die dominierende Religion ist, wird der Besuch mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt.
Mit der Reise rückt auch eine alte Formel wieder in den Blick, die Frankreich seit Jahrhunderten zugeschrieben wird: «älteste Tochter der Kirche». Der Ausdruck hat eine verwickelte Entstehungsgeschichte und stützt sich auf historische Grundlagen, die in der Forschung als fragwürdig gelten. Zudem wird er im Vatikan und in Frankreich unterschiedlich verwendet, nicht selten mit religiösen und politischen Hintergedanken. Was in Rom als Auszeichnung und Erinnerung an eine lange katholische Tradition gelesen wird, dient in Frankreich oft als Projektionsfläche für Debatten über die Rolle der Kirche im öffentlichen Leben.
Die Bezeichnung verweist auf die frühe Christianisierung des Frankenreichs und auf die besondere Nähe zwischen Krone und Kirche. Historisch ist diese Nähe jedoch keineswegs geradlinig verlaufen. Das Verhältnis war immer wieder von Konflikten geprägt, von der gallikanischen Tradition über die Französische Revolution bis zur Trennung von Kirche und Staat im Jahr 1905. Der Titel «älteste Tochter» ist deshalb weniger ein gesicherter historischer Befund als ein Deutungsmuster, das je nach politischer und religiöser Lage neu aufgeladen wird.
Für die katholische Kirche in Frankreich ist die Visite ein wichtiges Ereignis. Sie fällt in eine Zeit, in der die Zahl der praktizierenden Gläubigen zurückgeht, die institutionelle Bindung schwächer wird und die Kirche zugleich um ihre gesellschaftliche Stimme ringt. Der Papstbesuch lenkt den Blick auf diese Spannung: auf ein Land mit reicher religiöser Geschichte und einer Gegenwart, in der Glaube und säkulare Öffentlichkeit nebeneinander bestehen. Die Stationen der Reise spiegeln diese Doppelbewegung. Paris und Saint-Denis stehen für die urbane und politische Mitte des Landes, die UNESCO für den Dialog mit Kultur und Bildung, Lourdes für die Volksfrömmigkeit und den Wallfahrtsort, Metz für die regionale Verankerung der Kirche.
Die Erwartungen an den Besuch sind unterschiedlich. Beobachter fragen, wie der Papst auf ein Land reagiert, in dem die katholische Religion ihre frühere Selbstverständlichkeit verloren hat. Zugleich wird diskutiert, welche Signale von der Reise für den innerkirchlichen Reformprozess und für das Verhältnis zu anderen gesellschaftlichen Gruppen ausgehen. Die alte Formel von der «ältesten Tochter der Kirche» wird dabei kaum als bloße historische Reminiszenz behandelt. Sie dient als Folie, auf der sich zeigen lässt, wie sehr religiöse Tradition und säkulare Gegenwart in Frankreich miteinander verwoben bleiben.
Der Besuch beginnt an einem Freitag und erstreckt sich über vier Tage. Er umfasst mehrere Messen und Begegnungen, deren genaue Zahl und Abfolge im Vorfeld Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit waren. Für die Gläubigen ist die Reise eine seltene Gelegenheit, den Papst in ihrem Land zu sehen. Für die Öffentlichkeit ist sie Anlass, über die Rolle der Religion in einem Land nachzudenken, das sich als laizistisch versteht und in dem die katholische Kirche dennoch Teil der eigenen Geschichte und Kultur geblieben ist.
